Hospizphilosophie und Caring Communities
Demokratiepolitische Lernspuren für eine sorgende Gesellschaft?
Andreas Herpich und Klaus Wegleitner im Dialog
Andreas Herpich (AH): Lieber Klaus, gerne würde ich mir Dir etwas teilen, was mich schon lange in der Tiefe meines Herzens bewegt. Hospize erlebe ich als Inseln in unserer Gesellschaft – Inseln der Sorge, Zugewandtheit, Empathie, im Grunde Inseln der Menschlichkeit. Hospizgemeinschaften tragen Schicksale, die niemand allein tragen könnte. Fachwissen spielt eine Rolle, aber in erster Linie Menschsein. Wie das Sterben geht, wissen wir im Hospiz ja auch nicht und dennoch gehen wir mit unserer Unsicherheit Beziehungen ein – meist mit Menschen, die nur noch kurze Zeit auf dieser Erde leben werden. Weshalb brauchen wir dafür Hospize? Könnte dies nicht auch eine Vision für unsere Gesellschaft sein? Von sterbenden Menschen im Hospiz dürfen wir lernen, dass es möglich ist, mit dem sicheren Tod zuversichtlich zu leben, trotz allem Nichtwissen über den Weg des Sterbens. Sollten wir nicht mit diesem Wissen raus aus den Hospizen in unsere Gesellschaft gehen und Menschen diese Erfahrungen zumuten? Kann Hospizerfahrung eine Inspiration für einen Perspektivwechsel auf unsere aktuellen gesellschaftlichen Probleme sein? Können Hospize Hoffnungsinseln in unserer Gesellschaft sein? Wie denkst Du darüber?
Klaus Wegleitner (KW): Lieber Andreas, das sind in Zeiten radikaler kollektiver Unsicherheiten und globaler Multikrisen sehr schöne, Energie spendende Gedanken am Weg zu einer sorgenden Gesellschaft. Wenngleich ich nicht ganz dieses inselhafte und einseitige Inspirationsspender-Bild teile. Da ja auch die Hospizarbeit viel von anderen gesellschaftlichen Bewegungen, etwa der Ökologiebewegung, den alternativen Ökonomiebewegungen, also den sich stärker in den gesellschaftspolitischen Diskurs einbringenden Bewegungen, lernen oder aber auch ein wenig selbstkritischer mit den eigenen, oftmals auch idealisierten und normativen Bildern eines „guten Sterbens“ umgehen könnte. Was ich aber absolut teile ist die Einschätzung, dass spätmoderne Gesellschaften, in denen das Leben – im Sinne von Machbarkeitsfantasien – bis zuletzt zu Tode geplant und Sorge zunehmend zur börsennotierten Ware wird, sowie polarisierende, entdemokratisierende politische Strömungen unseren Alltag durchdringen, die Sehnsucht nach realisierten utopischen Andersorten – Heterotopien – groß ist. Welche Rolle also dieser Heterotopos Hospiz für eine sorgende Gesellschaft spielen kann, in der Verletzlichkeit, Ambivalenzen, „Verrückungen“, Fremdheiten und die Grenzerfahrungen des Lebens nicht als negative Bedrohung, sondern Wesensmerkmale des gemeinsamen menschlichen Seins, - und vielleicht mehr noch, als notwendige Voraussetzung von Sinngebung und menschlichem und gesellschaftlichem Wachstum - begriffen werden, interessiert mich sehr.
AH: Ja, absolut. Denn Unsicherheit und Verletzlichkeit gehören zum Leben dazu. Wir alle wissen nicht, wie lange wir körperlich fit sein und wann wir sterben werden. Trotzdem ist es möglich lebendig zu sein und hoffnungsvolle Freude zu empfinden. Niemand zeigt uns dies besser als die Menschen im Hospiz. Angehörige melden uns oft zurück, dass sie nie gedacht hätten, dass im Hospiz so viel Leben sein wird. Kann „Hospizlebendigkeit“ in Wechselwirkung mit unserer Gesellschaft sein? Kann sie uns lehren, dass Todesangst ins Leben integriert werden kann – dass sie vielleicht sogar ein guter Freund sein kann? Dass sie uns Raum geben kann uns zu entwickeln? Würden wir in einer anderen Welt leben, wenn die Menschen, und vor allem die Menschen, die Macht haben, mehr Todesbewusstsein hätten?
KW: Momentan erleben wir ja eher eine Gesellschaft, die das Altern und Sterben biomedizinisch, technisch, digital und natürlich KI unterstützt überwinden möchte. Dabei rückt ganz aus dem Blickfeld, wie wir ganz alltäglich, mitmenschlich, im hier und jetzt mit all unseren Unsicherheiten, Verletzlichkeiten und der Endlichkeit umgehen lernen. Dies sind ja jene Wesensmerkmale, die wir alle, als Menschen, teilen und die uns verbinden, ganz unabhängig unserer Herkunft, unseres soziökonomischen Hintergrundes oder unserer politischen Einstellungen. Im Laufe unseres Lebens „entlernen“ wir dieses intuitive Wissen und Gefühl. Wie sehr würde es helfen, wenn wir diese Bande freilegen, uns öffnen, nach außen auch mit unseren Zweifeln greif- und spürbar werden; dass wir uns eingestehen, nicht total selbstbestimmt zu sein, nicht die Lösungen parat und alles im Griff haben; dass wir also nicht teflon-artig, im slim-fit Modus durch die Welt tanzen würden. Angesichts des unvermeidbaren Todes, der Endlichkeit des Lebens, der notwendigen anthropologischen Unfertigkeit unseres Daseins, schlummert diese Einsicht ja in uns. Isabella Guanzini entwickelt in Zärtlichkeit: eine Philosophie der sanften Macht den Gedanken, dass aus der Einsicht unserer geteilten Verletzlichkeit - sowohl auf zwischenmenschlicher Ebene von Alltagsbeziehungen als auch auf strukturell-politischer Ebene - ein anderer Modus der Wechselseitigkeit erwachsen könnte. Im einander achtsam, offen, zutrauend mit „zärtlichem“ Blick Begegnen, liegt demnach auch eine Form von subtiler Widerständigkeit, der glatten, entpersönlichten, schein-verobjektivierenden Effizienzorientierung dem Kapitalismus gegenüber. Auch Caring Communities brauchen wohl so eine doppelte Zärtlichkeits-Bewegung, alltäglich, in den Sorge-Beziehungen und politisch, in Prozess- und Strukturentwicklung. Auf politisch-struktureller Ebene steht hier vor allem das Zuhören, das Menschen beteiligen und die planerische, auf Zutrauen und Offenheit setzende, Selbstrelativierung dafür. Angesichts der harten gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Schieflagen, mit so einem zur Romantisierung einladenden Begrifflichkeit zu arbeiten ist aber natürlich auch hochambivalent.
AH: Da landen wir dann wieder bei den Hospizen, als gesellschaftliche Orte der existentiellen Ambivalenz. Nicht selten werden konträre Gefühle gleichzeitig erlebt. Manchmal sind Todeswünsche da und gleichzeitig eine Sehnsucht nach Leben. Schaffen wir es, Lebensimpulse zu stärken, ohne Sterbewünsche zu ignorieren? Wenn ein Mensch verstorben ist, sind seine Angehörigen manchmal erleichtert, mitunter sogar glücklich. Wenn der Tod eingetreten ist, hat das Leiden ein Ende. Aber gleichzeitig ist da der endgültige Verlust verbunden mit einem großen Schmerz. Halten wir diese Ambivalenzen aus? Als Betroffene und als Begleitende? Im Hospizteam kommt es vor, dass verschiedene Menschen verschiedene Aspekte der Ambivalenz vertreten. Es findet Polarisierung statt. Können wir auch Polarisierungen aushalten – oder gar wertschätzen? Können wir daraus etwas für unserer Gesellschaft lernen?
KW: Zygmunt Bauman hat ja in Moderne und Ambivalenz: Das Ende der Eindeutigkeit gesellschaftsdiagnostisch eben den Verlust des kollektiven Umgangs mit den Ambivalenzen und meist unauflösbaren Widersprüchen des Lebens beklagt. Mit dem Versuch, die Pluralität des Lebens und der Lebensweisen in Kategorien und Tabellen abzubilden, scheitern wir fortwährend, oder es führt zu Polarisierungen, oder – historisch betrachtet – noch fataler, es mündet in totalitären Katastrophen. Und hinsichtlich Ambivalenz: Wir bewegen uns ja als menschliche Beziehungswesen permanent zwischen Fürsorge und Autonomie, zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Orientierung gebenden Werten und pluraler Offenheit, zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung, sowie zwischen Individualität und Gemeinschaft. Erst das Sterben und der Tod selbst lösen diese Widersprüche einseitig auf. Und vermutlich ist die einzigartige Konstellation der Trauergemeinschaft jener außergewöhnliche (Nach)Lebensmoment, in dem durch die anwesende Gemeinschaft - als biografisch gewachsenes Beziehungsgefüge - die Person, das Individuum selbst repräsentiert; somit Individualität und Gemeinschaft in eins fallen. Davor, im Leben, gilt es jedoch, sich in den Umgang mit Ambivalenz - individuell und kollektiv - einzuüben. Hier sind Hospize tatsächlich Lern-Orte der Ambiguitätstoleranz und des gemeinsamen Tragens und Teilens von existentieller Unsicherheit. Es ist hier völlig klar, dass die Planungsorientierung und der Zwang nach Eindeutigkeit an Grenzen stoßen. Sich auf Ungewissheit vertrauensvoll einzulassen, im Sorgeverlauf gemeinsam immer wieder im Gespräch über Widersprüchliches zu sein und auch die notwendige Veränderung von vorher scheinbaren Gewissheiten zu erfahren, gehören hier dazu. So erfordert wohl auch die Sorgekultur in Caring Communities einen widerspruchsfreundlichen und ringenden Zugang zur Frage nach den Bedingungen guten Lebens, um nicht vorschnell in festgefahrene, eingeengte und letztlich totalitäre Bilder „des Guten“ abzudriften. Sich in den Umgang mit Ambivalenz einzuüben, ist ja auch Voraussetzung für Demokratiekultur. Insofern können wir das Hospiz vielleicht auch als demokratiepolitischen Lernort begreifen.
AH: Dazu gehört es aber wohl auch, den – scheinbaren – „Verrückungen und Störungen“ des Lebens gelassen zu begegnen, oder? Aber sind wir gesellschaftlich schon so weit? Im Hospiz sind beispielsweise auch „Verrückungen“ prägend: Neulich war bei uns im Hospiz ein jüngerer Mann, dessen Persönlichkeit wegen eines Gehirntumors verändert war. Er war KFZ-Mechaniker, Pink Floyd Fan und hatte keine Angehörigen. Unruhig und gequält lief er durch das Hospiz und fragte immer wieder, wer denn seinen Auspuff reparieren könnte und wie viel das kosten würde. Wir waren ratlos, bis eine Kollegin die Idee hatte, den Mann Pink Floyd hören zu lassen. Das half besser als jedes Medikament, aber es musste laut sein. Gelassen hörten alle im Hospiz in voller Lautstärke Pink Floyd. Können wir in unserem Leben Störungen mit Offenheit begegnen, sie akzeptieren und integrieren, bzw. als Teil des Lebens annehmen? Können Störungen eine Chance zu Weiterentwicklung sein?
KW: In den Störungen, den Unterbrechungen des Gewohnten, den Irritationserfahrungen und dem Erleben der Verrückungen des Lebens liegt meines Erachtens in fundamentaler Weise die Chance der Weiterentwicklung und Transformation. Voraussetzung dafür ist aber bestimmt, so wie bei deiner Geschichte im Hospiz, dass man noch genauer hin- und zuhört, um Lebensweisen zu deuten, Zusammenhänge zu verstehen. Dass man sich also, im Sinne der Resonanz-Theorie Hartmut Rosas, zunächst affizieren lässt und Interesse entwickelt, um daraus in ein Wechselverhältnis mit dem Anderen (sozial, dinglich, weltlich) zu treten und Selbstwirksamkeit erleben zu können, die verändert, transformiert. Aus diesem anderen, resonanten Hinhören und -Sehen erwächst also die Chance, dass man dazu angeregt wird, gewohnte und eingelernte Muster zu hinterfragen, auf neue Spuren und Ideen zu kommen. Auf der Ebene gesellschaftlicher Sorgeinfrastruktur bedeutet dies etwa aber auch, dass sowohl die Hospiz- als auch die Caring Communities Bewegung sich noch viel stärker als bislang von der Ungerechtigkeit der Verteilung von Sorgearbeit affizieren lassen und in ein anderes Handeln kommen muss, damit etwa die Delegation von Sorgearbeit an die Frauen und ins Private überwunden werden kann, oder andere Formen des Wirtschaftens in Care-Zusammenhängen mehr Raum kriegen. Vielleicht bedeutet dies auch, dass man als Hospiz seine gesellschaftliche Rolle als „Andersort“, als Repräsentanz der Verrückung, noch widerständiger als bislang anlegen müsste; sich also nicht mit dem – gut ausfinanzierten - Inseldasein begnügen sollte. Hospize und auch Caring Communities könnten sich als gesellschaftliche Widerspruchsorte der Resonanz begreifen, um über „Störungen“ Veränderung anzuregen oder um das zu geschmierte Abwickeln und Ausrollen von mechanistischen Versorgungsmodellen in Frage zu stellen. Die dauerhafte Verrückung somit als Form systemimmanenter, reflexiver Wahrung von Sorgekultur? Denn ähnlich der Verletzlichkeit verbindet uns Menschen auch die prinzipielle Verrückung vom – scheinbar – Normalen oder dem normativ Anderen, denn auch das wird es – unauflöslich – immer geben müssen. Fortwährende Fremdheits- und Grenzerfahrungen resultieren daraus.
AH: Sicher ist es eine Verlockung für uns Menschen, Grenzerfahrungen aus dem Wege zu gehen und uns nahtlos in vorherrschende gesellschaftliche Strukturen einzufügen. In der Tat nehme ich solche Tendenzen auch bei Hospizen wahr, obwohl Grenzerfahrungen am Rande des Lebens zum Hospizalltag gehören und wir uns diesen Situationen stellen müssen. Ein Beispiel dazu: Für eine Frau mittleren Alters, Managerin, war der Tod ein Tabuthema. Wir hatten das Gefühl, dass es diese Grenze nicht geben darf, auch wenn sie merklich immer nähergekommen ist. Die Situation war voller Spannung – auch die Schwestern der Frau waren angespannt und maximal hilflos. Die Frau tippte täglich in ihr Notebook, um ihrer Nichte etwas zu hinterlassen… konnte aber kaum noch tippen, ist immer wieder eingeschlafen. Helfen war tabu. Wie kann in Situationen voller Spannung, im Kampf gegen die Grenze des Todes, Leben gestaltet werden? Wie können wir mit Grenzen leben? Ist ungebremste Aktivität hilfreich, wie wir sie in unserer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft erleben? Wie können wir angesichts von Endlichkeit in Form von Kriegen und Klimawandel unser Leben gestalten?
KW: Im Hospiz seid ihr - vor allem aber eure Gäste selbst – im Angesicht der ultimativen Lebensgrenze und des Todes, permanent herausgefordert in virtuoser Weise Grenzkompetenz an den „Übergängen“ zu leben. Dafür gibt es wohl keine Anleitung und sie entzieht sich der Verfügbarkeit. Diese Situationen sind vermutlich geprägt von der Gleichzeitigkeit erlebten Abschiednehmens, Verlustes und auch dem Gefühl der Exklusion aus der Gemeinschaft der Lebenden, gleichzeitig aber von der großen Sehnsucht des Daseins, des Beziehung Knüpfens über den Tod hinaus und dem Wunsch nach Zugehörigkeit, in der Gemeinschaft der Lebenden, im Herzen der Hinterbliebenen. Angemessene sorgende Umgänge mit diesen Grenzsituationen brauchen wohl, neben reflektierter Fachkompetenz, vor allem reichhaltige, gereifte Lebens- und Sorgeerfahrungen, um auf einer tieferen Ebene, mit den Gästen und ihren Lieben, - metaphorisch gesprochen - Hand in Hand, an der Grenze entlang zu balancieren. Dazu braucht es wohl auch eine Form von Selbstrelativierung in der eigenen Rolle der „Versorger:in“, ein Weniger an Aktion und Intervention, ein Selbstbegrenzen. Dieser sorge-kunstvolle Umgang mit dem dialektischen Wechselverhältnis von Inklusion-Exklusion sowie den prinzipiellen Begrenzungen des Lebens und der Selbstbegrenzung ist wohl auch ein Leitmotiv dessen, was wir in einer endlichen Welt mehr brauchen, existentiell, sozial, politisch und ökologisch. Der Entgrenzung von Lebensweisen sind Modi der selbst-begrenzten Lebensweisen entgegenzusetzen.
AH: Gerne möchte ich noch auf ein Leben mit Fremdheit zu sprechen kommen. Kürzlich ist bei uns eine junge Frau mit Anfang 20 verstorben. Sie stammte aus Somalia, war Muslimin und hatte ein einjähriges Kind. Ihre einzige Sprache war Somali. Apps mit Spracherkennung von Somali gibt es leider noch nicht und lateinischen Buchstaben konnte sie nicht lesen. Wir waren erst einmal maximal hilflos. Es hieß zunächst, dass es keine Angehörigen gäbe. So nach und nach tauchten aber Menschen aus ihrem Umfeld auf. Die junge Frau erhielt viel Besuch von Menschen, mit denen wir gut in Kontakt gehen konnten. Wir hätten gerne mehr über diese Frau erfahren, aber sie selbst war schon zu schwach, um zu sprechen und niemand der vielen hilfsbereiten Menschen aus ihrem Umfeld wollte mit uns über Hintergründe sprechen. Vielleicht gab es kulturelle Tabus? Wir wissen es nicht, aber leider ist uns die ganze Situation sehr fremd geblieben. Aber wie fremd müssen wir erst für diese junge Frau gewesen sein – und dazu noch der Sterbeprozess, der vermutlich für sie auch fremd und sehr verunsichernd war?
Können wir Wege gehen, auch wenn wir nicht wissen, wie diese aussehen… Halten wir Fremdheit aus? Diese junge Frau hatte keine andere Wahl. Im Hospiz erlebe ich das Aushalten von Fremdheit auch als einen Akt der Solidarität mit unseren Mitmenschen. Fremdheit führt in der Regel zu Unsicherheit, womit wir wieder beim ersten Thema unseres Gespräches wären, dem Umgang mit Unsicherheit und Verletzlichkeit. Der Kreis schließt sich sozusagen mit der Fremdheit.
KW: Wir sind ja selbst immer auch Fremde und bleiben, erkenntnis- und kommunikationstheoretisch gesprochen, einander als Menschen, selbst in den engsten und innigsten Liebes-Beziehungen, immer auch ein Stück weit fremd. Somit prägt Fremdheit in unterschiedlichster Weise unser Alltagsleben. Im Sterben und in der Sorge tritt dieses Motiv des Umgangs mit dem Fremden und den Fremden noch stärker in den Vordergrund. Zum einen im Sinne der Frage, welche Haltungen, Kulturen und Strukturen vorbehaltlose Gastfreundschaft – den hospizphilosophischen Kern – überhaupt erst ermöglichen. Zum anderen in der darin liegenden menschlichen Lernerfahrung, sich immer wieder neu, jeden Tag mehrmals, vorurteilsfrei auf das Gegenüber einlassen zu müssen, Empathie zu entwickeln und dabei auch die Grenzen von Verständigung zu erleben. Im Sterben und davor, mitten im Leben, braucht es daher dieses Ringen um angemessene Umgänge mit Unterschiedlichkeit, es braucht (sozial)ethische Verständigungsformen, oder eben auch die Einsicht des gemeinsamen Aushaltens. Wie es also gelingen kann, trotz unterschiedlicher Wertorientierungen und Lebenshintergründe – Herkünfte aber auch Social Media und Algorithmus generierte Meinungsblasen überbrückend - ins Gespräch zu kommen und auch zu bleiben, ist eine Frage, die für persönliche Sorgebeziehungen, aber auch für Caring Communities und den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt eine sorgekulturelle und demokratiepolitische Grundfrage darstellt. Ähnlich wie bei deiner Erzählung aus dem Hospiz, gilt es auch in der Förderung von gesellschaftlicher, solidarischer Sorgekultur nicht mit den fertigen Antworten und den „Sorgeplänen“ zu kommen, sondern einmal, sorgeethisch mit Patrick Schuchter gesprochen „sich einen Begriff vom Leiden [und dem Leben] Anderer“ zu machen, herantastend Fragen zu stellen, um gemeinsam sich einen kleinen Pfad durch das Dickicht des Lebens, seiner Unwägbarkeiten und Fremdheiten zu bahnen. Hilfreich kann es auch hier wieder sein, das menschlich Verbindende – Verletzlichkeit, Grenzerfahrungen, Sehnsucht nach Zugehörigkeit, usw. –, also die Frage, Was ist uns gemeinsam wichtig? Was sind einende Erfahrungen, Gefühle, Sehnsüchte? -, ins Zentrum zu rücken, ohne dabei jedoch die radikalen gesellschaftlichen Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Schieflagen auszublenden.
AH: Ich erlebe Hospize als Orte, an denen gesellschaftliche Ungleichheiten in den Hintergrund treten, sofern Menschen Hospize als Zufluchtsorte erreichen. Dass dies nicht alle Menschen in Not können, ist allerdings eine Ungerechtigkeit und Schieflage. Aber ich denke, dass nicht mehr Hospize die Lösung sind, sondern mehr Hospizphilosophie in einer sorgenden Gesellschaft. Eine zutiefst menschliche Erfahrung im Hospiz ist, dass im Angesicht des Sterbens der soziale Status, Besitz und die Macht eines Menschen in den Hintergrund treten. Sterben müssen alle Menschen, zumindest da gibt es keine Ausnahmen – und bisher ist es meines Wissens auch keinem Milliardär gelungen den Tod zu überlisten, auch wenn dies versucht wird. Berührt werde ich immer wieder, wenn sehr selbstbestimmte Menschen, die sich zeitlebens schwertaten, sich auf andere Menschen zu verlassen, Vertrauen finden und sich in die Hände ihrer Mitmenschen geben, die für sie sorgen. Manchmal geschieht dies erst in den letzten Lebensminuten. Wir dürfen dann gemeinsam erleben, dass wir eben nicht so autonom sind, wie wir im Alltag oft denken und wie uns durch unsere individualistische Gesellschaft vermittelt wird. Der Philosoph Wilhelm Schmid hat neulich in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ geschrieben, dass das befreite Ich zwar eine wertvolle zivilisatorische Errungenschaft ist, wir aber „sorgende Ichs brauchen, denen das Wir nicht egal ist“.
KW: Ja, lieber Andreas, in der Hospizphilosophie und -praxis liegt für wahr viel an Lernpotential für eine sorgende Gesellschaft, von der feinstofflichen, vorbehaltlosen „Zärtlichkeit“ in der mitmenschlichen Sorge-Beziehung, dem abwägenden, ausbalancierenden Umgang mit Verletzlichkeit, Fremdheit und Lebens-Ambivalenzen, bis hin zu der Frage, wie Haltungen und politische Strukturen einander nicht behindern, sondern ergänzen könn(t)en. Diese hospizlichen Sorgehandlungen stehen somit nicht für isolierte Versorgungsdienstleistungen, sondern sind letztlich auch politische Akte gelebter Bürger:innenschaft, da sie die professionell-formalen Rollen notwendigerweise überschreiten müssen, strukturelle Großzügigkeiten und Selbstrelativierung voraussetzen und letztlich Tag für Tag die großen Fragen menschlicher Existenz und gesellschaftlichen Zusammenlebens verhandeln; nicht in vereinfachender, planerischer Totalität, sondern in herantastender, grenztänzerischer, aushandelnder demokratiepolitischer Sorgekultur.
Andreas Herpich, M.Sc., Krankenpfleger und Bildungsreferent. Viele Jahre Tätigkeit in einem SAPV-Team und in der Fort- und Weiterbildung von Hospiz- und Palliative Care. Seit 2018 Leitung Hospiz Veronika in Eningen unter Achalm.
Klaus Wegleitner, Prof. Mag. Dr., Soziologe und Sorgeforscher, stellvertr. Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung (CIRAC) und Leiter des Arbeitsbereiches Public Care am Institut für Pastoraltheologie der Universität Graz sowie Vorstand des Vereins Sorgenetz in Wien.